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Corvinusgemeinde Göttingen

Corvinus: Geschichte, Feste, Reiseberichte

Bitte beachten Sie den Vortragstext von Dr.Bernhard Moderegger am Ende der Seite!

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Geschichte

Die Corvinus-Gemeinde wurde am 1. Oktober 1966 gegründet. Am 12. November 2007 jährte sich die Einweihung der Kirche zum 40. Mal. Das Gemeindegebiet gehörte ursprünglich zu St. Albani und St. Jacobi. Durch die rege Bautätigkeit im Ostviertel in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Neugründung veranlasst. Das Gemeindegebiet wird im Norden durch den Nikolausberger Weg, im Osten durch die Herzberger Landstraße, im Süden durch die Brüder-Grimm-Allee und im Westen durch den Hermann-Föge-Weg und die Dahlmannstraße begrenzt. Zum Gemeindegebiet gehören auch das diakonische Stift am Klausberg und die Residenz am Hainberg. Wir pflegen eine Partnerschaft mit der St. Markus-Gemeinde in Chemnitz.
Quelle: Christoph Schaefer
Die Kirche mit ihrer geschwungenen Deckenkonstruktion und dem markanten 45 m hohen, im Grundriss dreieckigen Turm wurde nach zweieinhalbjähriger Bauzeit am 12. November 1967 eingeweiht. Der Entwurf stammte von dem Stuttgarter Architekten Prof. Hermann Rohrberg.

Sie bietet ca. 400 Personen Platz. Bemerkenswert sind die großen Wandteppiche und Altarparamente in den vier liturgischen Farben (grün, weiß, violett und rot), die nach den Entwürfen von Helmut Seehausen aus Hannover in der Paramentenwerkstatt der Henriettenstiftung Hannover hergestellt wurden. Altarkreuz, Leuchter und Taufschale aus Bronze stammen von Siegfried Zimmermann, Hannover. Albrecht Frerichs aus Göttingen lieferte die zweimanualige mechanische Orgel (21 Register). 1998 wurde die Orgel von Rudolf Janke (Göttingen) restauriert und klanglich verändert. Sie ist insbesondere disponiert für Musik des Früh- und Spätbarock sowie der Klassik und klassischen Moderne. Die vier Glocken wurden in Karlsruhe gegossen (Schlagtöne: g', as', b', c''). Seit 1999 besitzt die Corvinuskirche einen Weltkugelleuchter. Den Leuchter fertigte der Metallbildhauer und Kunstschmied Markus Neumann aus Feldhorst bei Lübeck an. Dem Kreuz in seiner Mitte korrespondiert als Spruchband das Jesus-Wort "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Johannes-Evangelium 8, 12)

Das ganze Gemeindezentrum wurde 1970 nach Plänen des Stuttgarter Architekten Prof. Hermann Rohrberg fertig gestellt. Es umfasst neben der Kirche mit dem darunter liegenden Gemeindesaal den 2004 umgebauten Kindergarten, das 1997 erweiterte sog. Jugendhaus mit dem kleinen Gemeinderaum ("Konfirmandenraum") und der Bücherei sowie dem Pfarr- und Gemeindebüro, das Pfarrhaus und das Wohnhaus des Küsters.

Die folgenden drei Bilder entstanden kurz nach der Fertigstellung des Gemeindezentrums.
Das Gemeindezentrum im Wandel der Jahreszeiten und im Wandel der Jahre!

Die Anfangsjahre der Corvinusgemeinde und ihr erster Pastor Bernhard Moderegger - Vortrag am 21.01.2017

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Dr. Martin Moderegger, Fulda

1. Familie und seelsorgerisches Grundverständnis

Familie und lutherische Prägung Bernhard Moderegger (*05.11.1914 +18.02.2005) wuchs in Königsberg/Preußen als Sohn des Krankenhauspastors Bernhard Moderegger (*18.09.1888 +29.03.1942) auf. Nach dem Abitur studierte er in Königsberg Theologie und konnte dort das Studium noch vor der Einberufung zum Kriegsdienst beenden. Sein Großvater Franz Moderegger (*15.06.1862 +10.12.1940) war Präzeptor (kirchliches Amt) und Dorfschullehrer in Obelischken (Regierungsbezirk Gumbinnen). Die Familie Moderegger war bäuerlicher Herkunft und 1732 aus dem Pongau im Salzburger Land nach Nordostpreußen im Rahmen der Salzburger Emigration gekommen. Der 1727 vom Domkapitel zum Salzburger Erzbischof gewählte Leopold Anton Eleutherius Freiherr von Firmian hatte sich bei seiner Bischofswahl verpflichtet, die seit der Reformationszeit im Bistum Salzburg bestehende protestantische Bewegung, die besonders bei der Landbevölkerung im Bistum starke Wurzeln geschlagen hatte, mit Hilfe der Jesuiten als Ketzerei zu verfolgen und auszurotten. Nachdem Firmian 1731 die Unangesessenen aus dem Land gewiesen hatte, diese landeten meist in Bayern, mussten 1732 die Angesessenen, die Hofbesitzer, mit ihren Familien das Land Salzburg verlassen. Ende 1732 standen fast 1.800 Bauernhöfe im Salzburgischen leer. Über 30.000 Salzburger verloren damals ihre Heimat. Der protestantische König in Preußen, Friedrich Wilhelm I, der Soldatenkönig, lud die Salzburger mit einem Patent ein, nach Ostpreußen zu kommen und entsandte hohe Beamte nach Salzburg, die 16 Züge mit Pferd und Wagen bis zur preußischen Grenze geleiteten.

Berühmt wurde damals im Deutschen Reich das Lied des Emigranten Joseph Scheitberger: Ich bin ein armer Exulant, also muß ich mich schreiben, man tuth mich aus dem Vaterland, um Gottes Wort vertreiben. Schaitbergers Exulantenlied wurde von den Katholiken aufs Korn genommen: Du bist ein armer Exulant, aso thuest du dich schreiben, die Ursach gibst ganz klar an Handt, weilst Közerey thuest treiben.

Bernhard Moderegger hat 1981 im Gemeindebrief Nr. 67 an die Vertreibung der Salzburger erinnert und darin eine eigene Federzeichnung von dem Moderegger-Hof im Pongau abgedruckt. Damals wurde an die 250. Wiederkehr der Salzburger Emigration von 1731/32 im Land Salzburg groß erinnert. Es gab eine Landesausstellung im Schloß Goldegg. Den dortigen Katholiken tat es leid, wie mit ihren Mitbürgern unter Erzbischof Firmian umgesprungen worden war. Bereits 1966 hatte der Salzburger Primas Germaniae Erzbischof DDr. Andreas Rohracher (*1892 +1976) in einer feierlichen Erklärung ausdrücklich "die Verfügung eines seiner Vorgänger, wodurch die evangelischen Brüder und Schwerstern genötigt wurden, das Land Salzburg zu verlassen," bedauert. Die Emigration hatte die Familie Moderegger zusätzlich streng lutherisch geprägt. Deshalb legte der Großvater von Bernhard Moderegger, Franz Moderegger, Wert darauf, dass seine drei Söhne alle Theologie studierten und Geistliche wurden. Der

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Vater von Bernhard Moderegger wurde Krankenhauspastor im Krankenhaus der Barmherzigkeit in Königsberg, dem größten Krankenhaus in Königsberg. Franz Moderegger jun. (*1892 +1989) war 1945 der letzte Superintendent in Gumbinnen, Richard Moderegger (*1900 +1977) der letzte Superintendent des Kirchenkreises Tilsit - Ragnit. Der Vater von Bernhard Moderegger ist bereits 1942 früh verstorben. Er war zuvor von der GESTAPO in Königsberg ins Gefängnis gesteckt worden, weil er sich als Krankenhauspfarrer des Krankenhauses der Barmherzigkeit dem Euthanasie-Programm der Nazis widersetzt und Patienten vor der Vernichtung hatte bewahren wollen.

Die evangelische Kirche in Ostpreußen stand stark eingespannt im gemeinsamen Werk der Reformation. In Ostpreußen wirkten Luthers treueste Gefolgsleute (z.B. Georg von Polentz, Paul Speratus). Der Preußenherzog Albrecht von Brandenburg, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, hatte sie geholt. Ostpreußen hatte bei der Reformation einen erheblichen zeitlichen Vorsprung vor anderen reformatorischen Ansätzen. Das führte zu einer beispiellosen Ausstrahlungskraft des Luthertums von dort auf ganz Europa. Ostpreußen war neben Schlesien eine der Landschaften des reformatorischen Chorals gewesen (z.B. Kirchenlied Nr. 1 "Macht hoch die Tür" von Georg Weissel).

Maßgeblich für den Glauben der ostpreußischen Protestanten1 waren Luther und die Augsburger Konfession. Am 25.06.1530 war die Confessio Augustana von dem kursächsischen Kanzler Dr. Christian Beyer Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Augsburg in lateinischer und deutscher Sprache übergeben worden. Sie war von Luthers Glaubensbekenntnis geprägt. Der Wittenberger Professor Phillipp Melanchthon (*1497 +1560) hatte in 28 Artikeln die Glaubenssätze in Absprache mit Luther niedergeschrieben. Luther wollte bekanntlich keine neue Kirche neben der katholischen Kirche, sondern lediglich eine Reformation der Kirche. Die Confessio Augustana schrieb erstmals das katholische Glaubensgut auf und wich lediglich in wenigen zu reformierenden Punkten vom katholischen Kernglauben ab.

Am 22.06.1980 feierte die Corvinuskirchengemeinde in einem Festgottesdienst die 450 Jahrfeier der Augsburger Konfession. Dazu gab es ein Einladungsblatt, in dem Bernhard Moderegger die Grundlagen der Augsburger Konfession und damit des evangelischen Glaubens erläuterte. Moderegger schrieb: "Grundanliegen der Reformation war das Evangelium, d.h. die Frohe Botschaft von allen Verdunkelungen und Zusatzbedingungen zu befreien. Keine unnötigen Beschränkungen und Lasten für die Christen, sondern Freiheit eines Christenmenschen. Im Augsburger Glaubensbekenntnis wird ausgeführt, was zur Einheit der Kirche "genügt", was "nicht notwendig ist" und welche Missbräuche der Abstellung bedürfen." Damals wurden die Gottesdienstteilnehmer nach dem Festgottesdienst zu Kaffee und Getränken und zum Gespräch auf der Terrasse eingeladen.

Nach 8 Jahren Kriegsdienst und Verlust der ostpreußischen Heimat absolvierte Bernhard Moderegger sein Vikariat - "ausgeliehen" von der Hannoverschen Landeskirche - in der Schaumburg-Lippischen Landeskirche in Bückeburg und wurde 1947 vom Hannoverschen Landesbischof D.Johannes Lilje (*1899 +1977) ordiniert.

1 Der Ausdruck Protestanten stammt aus dem Jahr 1529. Der katholische Kaiser Karl V. wollte auf dem 2.Reichtstag zu Speyer die Beschlüsse des 1.Reichtstages zu Speyer aus dem Jahr 1526 - die den Reichsständen gestattete, es mit der Religion so zu halten, wie sie es vor Kaiser und Gott verantworten könnten, aufheben. Dagegen protestierten die lutherischen Reichsstände.

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Die offene Volkskirche Grundanliegen von Pastor Bernhard Modereggers pastoraler Tätigkeit war die Verwirklichung der evangelisch-lutherischen Kirche als sog. Volkskirche. Die Volkskirche wird als Gegensatz zur sog. "Winkelkirche" oder Privatkirche gesehen. Der Begriff stammt von Schleiermacher, einem aus Breslau stammenden Theologen (*1768 +1834). Nach dem Gedanken der Volkskirche sieht die Kirche ihre diakonische, seelsorgerische, soziale, pädagogische und missionarische Arbeit als ein Angebot an das "ganze Volk" und nicht nur an Teile der Gesellschaft (Theodosius Harnack, *1817 +1889). Organisatorisch versteht man unter Volkskirche ein anstaltlich organisiertes Kirchentum im Gegensatz zu einer sektiererischen Zusammenkunft freier Individuen. Die Befürworter der Volkskirche verweisen auf Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses, wonach "die Kirche die Versammlung aller Gläubigen ist, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente gemäß dem Evangelium gereicht werden."

Als Mittel zur Erhaltung der Volkskirche galt die Innere Mission (Begriff von Johann Heinrich Wichern *1808+ 1881). Nach den Befreiungskriegen gab es in Deutschland eine den Kirchen entfremdete Bevölkerungsschicht. Diese sollte zur Volkskirche zurückgewonnen werden. Der getaufte Jude und spätere evangel. Königsberger Theologe Friedrich Salomo Oldenberg (*1820 +1894) beschrieb die Aufgabe der Inneren Mission so: "Innere Mission ist die Tätigkeit der Kirche, welche darauf ausgeht, den getauften Christen, welche in Unglauben und Heidentum zu versinken drohen oder schon versunken sind, den Taufsegen durch evangelische Predigt und Einweisung evangelischer Liebe zu erhalten und wieder zu erringen, damit so die Kirche lebendige Glieder gewonnen und das verlorene Volk errettet werde."

Für Bernhard Moderegger bedeutete die Verkündigung des Evangeliums Begegnung mit dem ganzen Menschen, ihm "seelischen Beistand von Mensch zu Mensch im Namen Jesu zu geben", nicht eine bloß materielle Hilfe für den Nächsten, also "Priesteramt und kein Wohlfahrtsamt". Der Gedanke der offenen Volkskirche war für Bernhard Moderegger der Anker, der die Evangeliumsverkündung und das Christentum vor der Privatisierung bewahren sollte. Schon kurz nach der Gemeindegründung schrieb Bernhard Moderegger im Gemeindebrief Nr.12/1969, dass "Kirche dort "geschieht", wo das Evangelium verkündet wird. Wir dürfen keine Elite nach unseren Maßstäben zu schaffen suchen." Die Landeskirche müsse offen sein, "für das ganze Land und alle Gläubigen. Die Kirche der Zukunft müsse eine offene Kirche sein, die für alle Platz hat, die in irgendeiner Form noch Christen sein wollen." Anlässlich des 10jährigen Gemeindejubiläums mit Visitation durch Stadtsuperintendent Klatt legte Bernhard Moderegger im Gemeindebrief Nr. 50/1976 Wert auf die Feststellung, dass die Corvinusgemeinde als "landeskirchliche Gemeinde" gegründet worden sei. Sie sei keine freikirchliche und keine Bekennergemeinde, die von ihren Gliedern besondere geistliche Qualitäten erfordere, etwa ein bestimmtes Bekehrungserlebnis. Die volkskirchliche Gemeinde wolle den Menschen dienen mit ihrer Verkündigung von der in Christus erschienen Gnade Gottes. Es hielt damals auf einem besonderen Gemeindeabend mit geselligem Beisammensein dazu einen Vortrag mit dem Titel "Volkskirche mit gutem Gewissen."

Inzwischen löst sich die Volkskirche auf.

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Die evangelische Kirche nutzt heute die Begriffe "Volkskirche" und "Innere Mission" nicht mehr aktiv. Heute stellt sich angesichts des Erstarkens des Islams die Frage nach der Zukunft des Christentums überhaupt. Der verstorbene Sozialphilosoph Prof. Günter Rohrmoser befürchtete schon 1995 auf einer Tagung der evangel. Akademie in Hofgeismar, dass das Christentum sich immer mehr ins Private zurückziehe und dass das Christentum eines Tages verschwunden sein werde, ohne dass wir es überhaupt bemerkt hätten.

2. Gemeindegründung und Kirchenbau Stadt-Superintendent Wiesenfeld, Verlagsbuchhändler Helmut Ruprecht, die beide den Gesamtverband der Gemeinden Göttingens repräsentierten, entschieden sich beim Architektenwettbewerb der neu zu errichtenden Corvinuskirche für den Bauentwurf des Stuttgarter Architekten Prof. Erwin Rohrberg (Lehrender an der Fachhochschule für Technik). Bernhard Moderegger war anfangs mit dem Zuschlag an Prof. Rohrberg nicht begeistert. Ihn störte der gewählte, damals hochmoderne Architekturstil des Brutalismus (Beton brut = roher Beton, deutsch "Sichtbeton") der von den Kriegsarchitekten des Bunkerbaus in der Nachkriegszeit auf den allgemeinen Bau übertragen worden war. Der aus dem Schweizer Jura stammende Le Corbusier (war im Krieg Anhänger von Marschall Petain und sympathisierte mit Hitler) war in den 50iger Jahren damit berühmt geworden. Bernhard Moderegger war die von Rohrberg geplante Kirche zu modern. Er mochte keine rigorosen totalitären Betonkirchen. Er war eher für einen historisierenden Baustil. Er schätzte z.B. Palladios- Baustil in Venetien. Das der Auswahlkommission von Prof. Rohberg vorgestellte Modell der Kirche war auch nicht wirklichkeitsnah genug. Insbesondere konnte man sich das freischwebende geschwungene Holzleimdach in der Waage nicht so richtig vorstellen. Moderegger vermisste auch eine Sakristei in Altarnähe. Rohrberg ging darauf später noch ein und konstruierte das "Schwalbennest."

Die Grundsteinlegung für den Kirchenbau war am 27.09.1965. Der Grundstein liegt auf der Betondecke über dem Gemeindesaal unter dem Altar. Am 01.10.1966 folgte die Gründung der Corvinuskirchengemeinde in einem Festgottesdienst im Albertinum. Anschließend gab es dort einen Empfang. Es musste dann ein 1. Kirchenvorstand von der Gemeinde gewählt werden. In den 1. Kirchenvorstand wurden Privatdozent Dr. Gottfried Zieger (Jurist*1924 +1991), Polizeiobermeister Herbert Jelonnek, Frau Ilse Barkey und Dr. Jürgen Stenzel gewählt. Berufen wurde Sigrid Horstmann und Prof. Karl Kröschel (Jurist*1927). Einem späteren Kirchenvorstand gehörte auch Prof. Eduard Lohse (Theologe*1924+2015) an. Er wirkte in der schwierigen und anstrengenden Aufbauphase der Gemeinde harmonisch und erfolgreich für die Corvinuskirchengemeinde. Der aus Leipzig stammende Kirchenvorsteher Dr. Gottfried Zieger und Frau Schräder, Ehefrau des Sparkassenvorstandes, wurden vom Kirchenvorstand mit der Aufgabe des Bauausschuss für alle Baufragen beauftragt. Sie setzten sich, als es bald große Finanzierungsschwierigkeiten während des Baus der Kirche gab, tatkräftig für den Baufortschritt und dessen Finanzierung ein. Da der Architekt in Stuttgart sein Büro hatte, wurde das Göttinger Architekturbüro Neuhaus mit der Bauaufsicht betraut.

Am 22.11.1967 wurde in einem feierlichen Festgottesdienst mit Posaunen (Posaunenchor aus Espol, Lehrer Gilch) die Corvinuskirche eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Neben dem Kirchbau wurden noch Altar, Kanzel, Taufstein, Orgel und Glocken eingeweiht. Prof. Erwin Rohrberg schrieb in der Festschrift: "Kirche ist Zweckbau und Symbol in einem". Nach der Schlüsselübergabe durch den

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Architekten zogen die Pastoren, Kirchenvorstand, Konfirmanden und die Gemeinde in die Kirche ein. Die Predigt hielt Landessuperintendent Stark und außerdem wirkten am Einweihungsgottesdienst mit Pastor Mensching und natürlich der Gemeindepastor Bernhard Moderegger mit sowie der damalige Kirchenvorstand. Der Chor der Jakobikantorei (Leitung Hans Jendis) sang die Bachmottete "Sei Lob und Preis mit Ehren". Die Kirche war brechend voll und es mussten viele zusätzliche Klappstühle aufgestellt werden. Kurz vor der Einweihung waren am 27.10.1967 in Karlsruhe bei der Fa. Bachert die vier von der Gemeinde selbst finanzierten Bronzeglocken gegossen und dann noch rechtzeitig im Turm aufgehängt worden, so dass mit einem vollen Geläut die Gemeindeglieder und Gäste zur Einweihung gerufen werden konnten. Anschließend hatte die Gemeinde zu einem Empfang im Albertinum, Bonhoefferweg, geladen. Der Gemeindesaal war nicht nutzbar, er befand sich im Rohbau, den es war kein Geld für den Ausbau vorhanden.

Die Gemeinde war gut vernetzt. Der frühere CDU-OB Prof. Gerd Rink (*1910 +2007) nahm am Gemeindeleben teil und der damalige SPD-Oberstadtdirektor Kurt Busch (*1930 +2016), der unweit der Kirche wohnte, unterstütze die Gemeinde ebenfalls. Wegen fehlender Finanzierung folgten der Bau des Kindergartens und des Konfirmandenraums erst viel später. Als letztes kam das Pfarrhaus hinzu, auch um die ursprünglich geplante Gesamtanlage zu vervollständigen.

Prof. Ewin Rohrberg übernachtete später bei seinen Besuchen der Baustellen noch einige Male im Pfarrhaus und Bernhard Moderegger und Rohrberg verstanden sich und es gab keine Spannungen. Rohrberg war ein mehr technisch geprägter nüchterner Mensch, aber im Kirchbau und Umgang mit Kirchenleuten erfahren und ging auf die Wünsche des Kirchenvorstandes in baulichen Dingen durchaus ein. Das Klima verschlechterte sich jedoch, als schwere Baumängel an der Kirche sichtbar wurden. Das Kirchendach war undicht. Durch die kupferbeschichtete Pappe drang Wasser in die Kirche ein. Es ging um die Frage, ob ein Planungsfehler oder ein Ausführungsfehler der Handwerker vorlag. Das arbeitende holzverleimte freischwebende Kaltdach verursachte nicht sichtbare feine Haarrisse auf der als Außenhaut angebrachten Kupferfolie. In einem aufwendigen Beweissicherungsverfahren wurde ein bundesweit anerkannter Bausachverständiger für Dächer aus Dortmund hinzugezogen, der zu dem Urteil kam, dass ein Planungsfehler bei der Kaltdachkonstruktion vorlag, und ein völlig neues stabiles Kupferdach auf neuer Oberschale empfahl. Versuche des Kirchenvorstandes, mit dem Architekten einen Vergleich zu schließen, schlugen fehl, obwohl die Haftpflichtversicherung des Architekten weitgehend den Schaden übernehmen wollte und die Gemeinde sich an der Schadensbeseitigung ebenfalls maßgeblich beteiligen wollte. Der Architekt wäre dabei gut aus der Sache herausgekommen. Doch Rohrberg bestritt, dass es sich um seinen Planungsfehler gehandelt habe, und es kam zu einem für ihn im Ergebnis unerfreulichen Bauprozess. Weitere Probleme gab es mit der Eindeckung des fast 50 m hohen Kirchturms, dort drohten bei Sturm die schweren Kupferbahnen herabzufallen, die unzureichend an der Holzunterschalung befestigt waren. Auch das musste aufwendig unter Zuhilfenahme großer Gerüste repariert werden. Schäden entstanden auch am Sichtbeton, Eisen kam hervor und begann zu rosten.

Die Gemeinde war in den 70iger und 80iger Jahren aber finanzkräftig. Den Gemeindebriefen ist zu entnehmen, dass beispielsweise 1971 das Gesamtspendenaufkommen DM 37.000,00, 1980 sogar DM 55.000,00 betrug. Die

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große Spendenbereitschaft der damals etwa 3000 Gemeindemitglieder ermöglichte unter anderem den Guss der 4 Bronzeglocken und den Bau der großen Orgel (von Orgelbaumeister Albert Frerichs).

Gemeindearbeit Nach dem Kirchbau und der Fertigstellung des Gemeindesaals wurden regelmäßig Gemeindeseminare veranstaltet und Referenten hielten Vorträge. So berichtete Prof. Dr. Manfred Eigen (Nobelpreisträger) von seiner Forschung: Theorie vom Ursprung des Lebens und Ablauf der Evolution (große Teilnehmerzahl), Prof. Dr. Joachim Illies vom Max-Planck-Institut für Limnologie sprach über Offenbarung und Wissenschaft aus der Sicht des Biologen (über 100 Teilnehmer). Gerd Heinz Mohr hatte das Thema: Hilft der Glaube leben? Prof. Dr. Jeremias deutete die Qumranfunde: Die Verkündung Jesu im Lichte der Funde am Toten Meer. Weiter wurden immer wieder christliche und weltanschauliche Fragen in den Seminaren behandelt und in der Gemeindebücherei dazu passende bzw. aktuelle Literatur bereitgestellt. Themen waren damals z.B. der Glaubensstreit in der Kirche, Hegel, Solschenizyn, Dostojewski, Frankfurter Schule. E.T.A Hoffmann als Deuter der Wirklichkeit, Auf der Suche nach dem Menschen - Humanismus in Vergangenheit und Gegenwart, 1975 Thomas Münzer und der Bauernaufstand. Pastor Dr. Rotermund hielt Lichtbildvorträge zu Rembrandt, Matthias Grünewald, H.A.P. Grieshaber, Caspar David Friedrich ("Ein Predigerin seinen Bildern").

Liturgie und Kirchenmusik Viel Wert legte Bernhard Moderegger auf die Liturgie und Kirchenmusik. 1972 wurde die Feier der Osternacht erstmals eingeführt. Der Kirchturm wurde vorher mit Strahlern angestrahlt. Die brennende Osterkerze wurde mit dem Ruf "Christus ist das Licht" in den Kirchraum hineingetragen. Für den Kirchenchor konnte 1971 eine Organistenstelle eingerichtet und der pensionierte Organist der Johanniskirche, Ludwig Dormann gewonnen werden. ER leitete dann auch den Kirchenchor. Mehrere Jahre gab es auch einen Posaunenchor, den der Lehrer Gilch aus Fredelsloh ("Sollingmusikanten") aufbaute und leitete.

Jugendarbeit und Kindergottesdienst Aus dem Ansatz der offenen Volkskirche heraus wurden am Reformationstag regelmäßig Jugendgottesdienste durchgeführt, es gab Jungschargruppen, Pfandfinder und offene Jugendarbeit im "Bunkerraum" unter der Kirche (Anschaffung von Spielen, Tischtennis) mit regelmäßiger Diskothek am Freitagabend.

Aus dem Volkskirchengedanken heraus sollte auch nach Auffassung von Bernhard Moderegger immer der Pastor selbst den Kindergottesdienst wie einen richtigen Gottesdienst halten. Kindergottesdienste sollten nicht lediglich Kinderbetreuung sein. Es gab also Liturgie und Lesung aus der Bibel und der Pastor unterhielt sich dann z.B. über Gleichnisse in der Bibel mit den Kindern. Am Erntedankfest gab es eine besondere Kindererntedankfeier. Die jährlichen Freilichtgottesdienste und Familiengottesdienste im Juni unter der Rosenkanzel mit Posaunenchor standen immer ausdrücklich auch unter dem Einladungsmotto "auch kleine Kinder sind willkommen."

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3. Bernhard Moderegger und die Kunst

Kunst und Kirche Bernhard Moderegger begründete den Einsatz der Kunst in der Kirche so: "Luther wollte nicht nur die Musik in den Dienst der Verkündigung stellen, sondern auch die bildende Kunst." Die Grundkunstausbildung hatte er als Schüler von Prof. Adolf Schwenk (Universitätsmallehrer in Königsberg / Pr.) während seines Theologiestudiums erhalten. In Göttingen war er in den Malkreisen von Henry Hinsch und Universitätsmallehrer Nagel. Er malte hauptsächlich Landschaften, Personenporträts, Stillleben in Aquarell und Öl, fertigte Holzschnitte und einige wenige Kupferstiche. Sein Interesse an der Kunst und seine künstlerische Begabung brachte Bernhard Moderegger in die Gemeindearbeit ein. Diese hatte aber absoluten Vorrang (auch vor der eigenen Familie) und jahrelang während des Aufbaus der Gemeinde hat Bernhard Moderegger gar nicht oder nur sehr wenig gemalt. Fast jedes Jahr fanden Kunstausstellungen im Gemeindesaal statt, zu denen Künstler aus der Gemeinde mit Ihren Beiträgen eingeladen waren und Bernhard Moderegger ebenfalls mit ausstellte. 1972 spendeten anlässlich der damaligen Ausstellung die teilnehmenden Künstler aus dem Verkauf ihrer Werke DM 850.- für den Orgelfonds der Gemeinde.

Ostpreußen 1975 fand im Gemeindesaal der Corvinuskirche die damals viel beachtete Ausstellung "Letzte Jahre in Ostpreußen" statt, an der sich neben Bernhard Moderegger auch sein Lehrer Prof. Adolf Schwenk und seine Mitschüler Joachim Albrecht und Hans-Hermann-Steffens aber auch Ulrich Nagel, Hans Salewsky mit ihren Arbeiten beteiligten. Zu dieser Ausstellung, die damals auch im Göttinger Tageblatt und im Ostpreußenblatt große Beachtung fand, schrieb Moderegger im Gemeindebrief Nr. 44/1975 einen Beitrag über das Ostpreußisch Glaubenserbe. Darin wies er u.a. darauf hin, dass in Ostpreußen nach der Reformation unter Herzog Albrecht von Brandenburg in vorbildlicher Weise die Freiheit des Glaubens galt.

Illustration des Gemeindebriefs Moderegger nutzte seine zeichnerischen und künstlerischen Fähigkeiten für die Illustration von Gemeindebriefen und Einladungsblättern. Auf Reisen hatte er immer Zeichenblöcke in verschiedenen Formaten dabei und zeichnete z.B. in der Eisenbahn kurz mal mit einigen Strichen den gegenübersitzenden Reisenden in seinen kleinen Malblock. Er hatte sein ganzes Leben lang keinen Führerschein und kein Auto. Daher fuhr er zu seinen Motiven im Leinetal oder in der Stadt immer mit dem Fahrrad.

Am 20.Juni 1982 wurde Bernhard Moderegger im 68. Lebensjahr von der Gemeinde zusammen mit seiner Ehefrau Dr. Agnes Tappe verabschiedet. In Erinnerung werden der Gemeinde sicherlich die Illustrationen in den Gemeindebriefen und die Holzschnitte von Göttinger Motiven bleiben.